Gestern gab es hier in Mainz die Gelegenheit im Rahmen eines CDU-Termins den Um-/Neubau des Jüngeren Dalberger Hofes zu besichtigen – eine Gelegenheit für uns die neuesten „Trends“ bei der Nutzung von Denkmal mit eigenen Augen zu sehen.

Hauptfassade des Jüngeren Dalberger Hofes, ca. 1718; Quelle: wikipedia

Zuerst, warum uns der Dalberger Hof interessiert: Eines der interessantesten, wohl das größte barocke Adelspalais in Mainz. Grundlegende Literatur, die so ziemlich alles wissenswerte abdeckt ist Reinhard Schneiders „Der Dalberger Hof in Mainz und sein Architekt Caspar Herwartel 1675 – 1720: Idee und Gestalt eines barocken Adelspalastes“ (Worms 1986). Erbaut wurde das Gebäude um 1717, so zumindest das ürsprüngliche Cronostichon über dem Eingang, allerdings existieren bereits Stiche von 1710, welche Elemente des Baus zeigen. Abgeschlossen war der Rohbau 1718, wonach mit der Innenausstattung begonnen wurde, an der namhafte Künstler des Mainzer Hofes beteiligt waren. Davon ist leider nichts mehr erhalten, da der Bau bereits 1793 im Zuge des ersten Koalitionskrieges von preußischen Truppen zerschossen wurde. Er wurde wieder aufgebaut, von Paul Arnold, und wurde ab 1829/30 als großherzoglich-hessischer Justizpalast genutzt. Noch einmal wurde das Gebäude im zweiten Weltkrieg bis auf die Außenmauern zerstört, danach wiederum aufgebaut und als Polizeipräsidium sowie später für verschiedene Ämter und als Standort des Peter-Cornelius-Konservatoriums verwandt. Umstritten ist die Urheberschaft Caspar Herwartels, welcher eigentlich „nur“ Steinmetzmeister war, die Debatte um die Architektenfrage kann gut bei Schneider verfolgt werden. Kunstgeschichtlich interessant ist der Bau vor allem wegen drei Punkten. Der Hauptsaal des Palais war ein lang-gelagerter Saal, wie er in der italienischen Villenarchitektur seit Palladio auftaucht; des weiteren die Hauptfassade mit ihrem aus der französischen Klassik übernommenen 3-Risalit-Schema, wobei hier wirklich durch ein schmiedeeisernes Gitter zur Klarastraße ein cour d’honeur abgegrenzt war, lustig wenn man die beengten Verhältnisse vor Ort kennt. Letzter Punkt betrifft wiederum die Fassade, besonders die große Ordnung der italienischen Hochrenaissance mit dem genuteten Erdgeschoss-Sockel und der kolossalen Säulenstellung. Alles in allem also ein relativ ekklektizistischer Charakter, dem aber nicht der Charakter im doppelten Sinn abgeht.

Wie so vielen heute, fehlt auch der Stadt Mainz chronisch Geld, so dass, als 2005 mal wieder eine Restaurierung des Baus anstand und die Rechung auf circa 20 000 000 Euro geschätzt wurde, alle schnell nach einer anderen Lösung suchten. Die CDU kam dann nach eigenen Angaben mit der Idee auf, anstatt das alte Ding weiter zu behalten, es doch einfach zu verscheuern. Irgendwie sprach gestern jeder mit Bedauern von diesem Schritt, aber getan haben sie ihn doch. Des weiteren sprachen alle von den strengen Denkmalschutzauflagen, aber da war doch innen garnicht mehr so viel von der Originalsubstanz zu schützen. Irgendwie können wir uns des Gedankes nicht erwähren, dass die ganze Geschichte so nicht gut ist. Immerhin hat man eines der bedeutendsten Mainzer Kulturdenkmäler genommen und hat es der Öffentlichkeit entzogen, indem man es in die bestimmteste Form der Unöffentlichkeit verwandelte, Privatbesitz. Naja, alles nicht so schlimm, es geht ja kunsthistorisch vor allem um die Fassade, und die wird man weiterhin noch sehen dürfen. Oder?

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