Wir bei Ye Olde Mason sind ja prinzipiell überzeugt, dass durch vereinfachte Darstellung / Abstraktion Charakteristika deutlich werden. So auch bei antiken Reliefs, welche oft eine nicht realistische Darstellung mit Vereinfachungen und Verkürzungen zeigen. Wenn es dann noch um unser Lieblingsthema, Platzanlagen geht, umso besser.

Heute Teil 1 der Serie „Foren & Agorai im Bild“:

Tabula Iliaca, Musei Capitolini

Tabula Iliaca, Musei Capitolini, Inv. MC 0316; Quelle: wikipedia

Die Tabula Iliaca Capitolia ist eine1 im 17. Jhdt. gefundenen weißen Marmortafel, die den Text der Ilias mit Illustrationen in Reliefs enthält. Zweck der in augusteischer Zeit gefertigten Tafeln waren wohl Schulzwecke, das vereinfachte Begreifen der Handlunsgabläufe im Text. Wichtig für uns ist ein Ausschnitt, der das gefallene Troja zeigt.

Tabula Iliaca Capitolina, Ausschnitt

Tabula Iliaca Capitolina, Ausschnitt

Wir sehen die von Kämpfen durchzogene Stadt, nach den äußersten Mauern ein weiteres Tor und dahinter in Abfolge zwei Platzanlagen. Beide sind nach vorne, zum Betrachter hin, offen und an den restlichen drei Seiten von Säulenhallen umgeben. Damit gehen sie weg von Vitruvs Angabe der griechischen „fora in quadrata“2 und hin zu der in der Realität eher gegebenen Hufeisenform.3 Beide Hallenkomplexe gleichen sich, sie stehen auf einem zweistufigen Sockel und sind mit Satteldächern gedeckt. Bei den unteren Stoen befinden sich an den beiden Endseiten Schlitze, welche als Eingänge interpretiert werden können. Die Regelmäßigkeit, die die beiden Anlagen auszeichnet, stört einzig ein unausgerichtet in den oberen Platz gestellter sechssäuliger Antentempel auf einem dreistufigen Podest. Allgemein sind beide Plätze durch die Kämpfer bevölkert, es sind keine weiteren Monumente sichtbar, es sei denn man erklärt ein ungenau erkennbares Teil bei der unteren Anlage für eine, dann aber leere, Statuenbasis.

Weiter interessant ist abschließend noch die Stellung der beiden Plätze im ganzen Stadtgefüge. Insgesamt nehmen sie den größten Teil der gesamten Stadtfläche ein, auch scheinen alle restlichen Gebäude, die beiden Tempel zu Seiten der unteren Anlage, sowie die Straßen mit Wohnhäusern zu Seiten der oberen, ganz klar auf die Vorgabe der Linienführung der Stoen ausgerichtet zu sein.


Fußnoten


1.

Es gibt mehrere, siehe N.V. Montenegro, Die Tabulae Iliacae. Mythos und Geschichte im Spiegel einer Gruppe frühkaiserzeitlicher Miniaturreliefs (Berlin 2004) und auch A. Sadurska, Les tables iliaques (Warschau 1964)


2.

Vitruv V.11.1


3.

siehe R. E. Wycherley, How the greeks built cities, 2. Ausg (London 1962), 71; die Hufeisenform der, nach Vitruv, ionischen Agorai ist eigentlich eher später und „römischer“, siehe Wycherley 1962, 82 f.

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